Optimierte Brustkrebsvorsorge – Blinde erkennen mehr

Andrea Windbichler mit ihrem ständigen Begleiter, Blindenführhund Willi (6)

Andrea Windbichler mit ihrem ständigen Begleiter, Blindenführhund Willi (6)

Horst Boss (boss-healthcolumn). In Deutschland gibt es jährlich ca. 72.000 Brustkrebs-Neuerkrankungen und infolge etwa 17.000 Sterbefälle. Jede achte Frau trifft es im Laufe ihres Lebens. Aber erst die Frau ab 50 hat Anspruch auf ein Mammographie-Screening, obwohl Brustkrebs bereits zwischen 40 und 44 Jahren die häufigste Todesrate darstellt. Einerseits ist es für die Heilungschance außerordentlich wichtig, dass Krebs schon im Frühstadium erkannt wird. Andererseits scheuen sich viele Frauen davor, ihren Körper unnötig hoher Strahlung, Druck und Schmerz auszusetzen. Das verschafft dem neuen Berufsbild „Medizinische Tastuntersucherin (MTU)“ hohe Akzeptanz und regen Zulauf.

Das Problem

Die Brusttastuntersuchung stellt für Frauen unter 50 die einzige Brustkrebs-Früherkennungs-Maßnahme dar. Leider gibt es keine Richtlinie für Gynäkologen, wie diese Untersuchung durchzuführen ist. Zudem findet die Untersuchung oft unter hohem Zeitdruck statt. Diese Lücke wird jetzt durch die Ausbildung blinder Frauen zu „Medizinischen Tastuntersucherinnen (MTUs)“ geschlossen. Grundsätzlich wird diese Tastuntersuchung für alle Frauen wichtig, da man mit einer Röntgenuntersuchung allein nicht alle Brustgewebeveränderungen erkennen kann.

Andrea Windbichler

A. W. lebt in Erlangen und ist von Geburt an blind. Sie ist heute 29, glücklich verheiratet und hat einen sechsjährigen Sohn. Nach der Schule lässt sie sich zur Schreibkraft und Telefonistin ausbilden und findet Arbeit in einem Familienbetrieb. Zur Hand geht ihr ein elektronisches Schreibprogramm. So weit so gut. Nur, diese Arbeit füllt sie nicht aus. Zeitgleich kommt der Betrieb in Schieflage. Windbichler verliert ihre Arbeitsstelle.

2009 läuft die Sendung Stern TV im Fernsehen, mit Günther Jauch. Jauch stellt während der Sendung eine blinde Frau vor, die die Brust mit bloßen Händen nach Krebs abtastet. Windbichler ist Feuer und Flamme. Sie informiert sich sofort und landet bei „discovering-hands“, einem Projekt, das der Gynäkologe Dr. Frank Hoffmann, Duisburg, ins Leben gerufen hat.

Eignungstest und Ausbildung

Dann geht alles recht schnell. Bereits im November 2009 nimmt Andrea Windbichler an einem Eignungstest teil. Am Ende des Tests steht fest: Sie ist für den Beruf „Medizinische Tastuntersucherin“ (MTU) geeignet. Blinde Menschen verfügen häufig über einen hochsensiblen Tastsinn. Schon im Januar 2010 beginnt die Ausbildung in Theorie und Praxis. Im Praxisteil wird zuerst an Silikon-Modellen, später an Probanden geübt. Dabei wird das Ertasten von Veränderungen in verschiedenen Ebenen der Brust und im umliegenden Gewebe erlernt. Die Abweichungen werden genau lokalisiert. Nach bestandener Prüfung darf sich Andrea Windbichler „Medizinische Tastuntersucherin (MTU)“ nennen (geschütztes Berufsbild).

Arbeitsstelle und Untersuchung

Heute arbeitet Andrea Windbichler in der gynäkologischen Gemeinschafts-Praxis Dr. Madeleine Haas & Kollegen, in Erlangen. Sie strahlt geradezu, wenn sie von ihrer neuen Tätigkeit berichtet. „Medizinische Tastuntersucherinnen“ üben ihren Beruf selbständig und kompetent unter der Verantwortung eines Arztes aus. Zu Windbichlers Aufgaben gehören die eigenständige Anamneseerhebung, die Durchführung der klinischen Befunderhebung, sowie die elektronische Befunddokumentation. In der Regel dauert eine Untersuchung ca. 30 Minuten, teilweise auch erheblich länger. Die Untersuchung wird im Sitzen und Liegen durchgeführt. Windbichlers wichtigstes Hilfsmittel sind patentierte, rot-weiße Selbstklebebänder, die Zentimeter-weise mit für Blinde tastbaren Punkten ausgestattet sind. Der Oberkörper wird mit fünf Klebestreifen in vier Sektoren eingeteilt. So wird sichergestellt, dass wirklich keine Stelle bei der Untersuchung vergessen und der Befund später für den Arzt genau dokumentiert wird. Untersucht werden aber auch die Lymphknoten bis in die Achselhöhlen (cervical, clavicular und axillar, Level 1und 2). Schlussendlich begutachtet der Arzt den Befund. Er trägt die medizinische Verantwortung und entscheidet, ob eine weitere Untersuchung, wie z. B. Brustultraschall, erforderlich ist. Brustultraschall kommt bei dichtem Brustdrüsengewebe zum Einsatz, da in diesem Fall die Aufklärungsquote einer Mammographie stark sinkt. Zudem rücken häufig falsch-positive Mammographie-Befunde die Mammographie immer mehr ins Visier der Kritiker.

In einer Vorstudie entdeckten „Medizinische Tastuntersucherinnen“ ca. 30 Prozent mehr auffällige Gewebeveränderungen als Gynäkologen, unter den Bedingungen einer Routineuntersuchung. Zudem waren die gefundenen Gewebeveränderungen bis zu 50 Prozent kleiner als die der Ärztegruppe. Bei Tumoren von weniger als 10 mm Durchmesser überleben immerhin 96 Prozent der Betroffenen die nächsten 20 Jahre. Lediglich 4 Prozent sterben durch frühe Metastasierung.

Wann eine Tastuntersuchung nicht ausreicht

Werden Zysten oder Bindegewebstumore ertastet, dann muss die weitere Leitlinien-gerechte Abklärung durch den Arzt erfolgen. Allein durch die Tastuntersuchung kann eine bösartige Brustveränderung nicht ausgeschlossen werden. Aber die Wahrscheinlichkeit einen Tumor zu übersehen, sinkt durch die gründliche Tastuntersuchung enorm.

Behandlungskosten

Die Kosten für die Untersuchung betragen zwischen 30 und 46,50 Euro (IGeL) und werden von Krankenversicherungen, sowie immer mehr Kassen (z. B. Siemens- und Mobil Oil-) übernommen.

Ausbildungskosten und Zuschüsse für Arbeitgeber

In Kooperation mit Frauenärzten bieten die Berufsförderungswerke Düren, Halle a. d. Saale und Mainz, sowie das Berufsbildungszentrum für Blinde und Sehbehinderte in Nürnberg die Fortbildung zur Medizinischen Tastuntersucherin an. Bei Interesse wenden sich Interessentinnen am besten direkt an „discovering-hands“. Die Ausbildungskosten werden meist von den Trägern der Blindenrehabilitation übernommen.

So handeln Sie als Arzt innovativ und sozialunternehmerisch

Wenn Sie als Arzt für Ihre Patientinnen die bestmögliche Diagnostik wollen, dann entscheiden Sie sich für die Einstellung einer hoch-motivierten und gut ausgebildeten MTU. In den ersten drei Jahren der Beschäftigung fördert der Staat die Gehälter mit bis zu 70 Prozent über einen Wiedereingliederungszuschuss.

Medizinische Tastuntersucherinnen finden

Gynäkologen, die jetzt schon durch eine Medizinische Tastuntersucherin unterstützt werden, finden Sie unter: MTU-Praxen

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