So wichtig ist Vitamin D (Cholecalciferol)

Horst Boss. Jeder Zweite ist unterversorgt und riskiert dabei Herz-/Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes mellitus, Immunerkrankungen und sogar Krebs.
Prof. Dr. Winfried März
(Direktor der Synlab-Akademie für Ärztliche Fortbildung, Institut für Public Health, Klinische Fakultät Mannheim der Universität Heidelberg und Klinisches Institut für Labordiagnostik, Medizinische Universität Graz)
Die große Bedeutung von Vitamin D wird inzwischen weltweit anerkannt. Da es aber praktisch keine Rachitis-Fälle mehr gibt, spielt Vitamin D in der ärztlichen Praxis keine Rolle mehr. Viele Ärzte denken es handle sich um ein gewöhnliches Vitamin, dessen Bedarf man mit der täglichen Nahrung decken könne. Doch außer Lebertran und Fisch gibt es so gut wie keine Nahrungsmittel, die Vitamin D enthalten. Säuglinge sind aufgrund der Rachtis-Prophylaxe ausreichend mit Vitamin D versorgt. Ganz anders sieht es bei der restlichen Bevölkerung aus. Jeder Zweite ist mit dem wichtigen Vitamin unterversorgt. Jetzt rütteln Wissenschaftler wie Prof. Dr. Winfried März (Direktor der Synlab-Akademie für Ärztliche Fortbildung, Institut für Public Health, Klinische Fakultät Mannheim der Universität Heidelberg und Klinisches Institut für Labordiagnostik, Medizinische Universität Graz) Fachwelt und Bevölkerung wach.

Vitamin D und Cholesterin sind sich ähnlich

7-Dehydro-Cholesterol ist die gemeinsame Vorstufe von Vitamin D und Cholesterin. Reagiert 7-Dehydro-Cholesterol in der Haut mit UV-B-Strahlung, dann entsteht die eigentliche Vorstufe des später aktiven Vitamin D. In der Leber wird zu 25-OH / D3 und in den Nieren dann in die eigentlich aktive Form 1,25-OH / D3 umgewandelt. Jedoch handelt es sich bei 25-OH/D3 in der Leber ebenfalls schon um eine aktive Form des Vitamin D, wenn auch um eine sehr viel schwächere als der des Vitamin D3 in den Nieren. Obwohl Vitamin D3 in den Nieren ca. 1.000-fach geringer vorhanden ist als in der Leber, wirkt es dort viel stärker. Übrigens: Eigentlich handelt es sich bei Vitamin D um ein Hormon, da es vom Körper überwiegend selbst hergestellt wird.

Das Problem mit der Strahlung

In den Monaten Oktober bis März wird nördlich des 40. Breitengrades, also nördlich Mallorca, vom Körper selbst fast kein Vitamin D mehr gebildet. In diesen Monaten steht die Sonne dafür einfach zu tief. Somit gelingt es den UV-B-Strahlen nur in geringem Maße die Atmosphäre bis zur Erdoberfläche zu durchdringen. Hinzu kommt die ganzjährige, hohe Luftverschmutzung, die die Strahlung ebenfalls minimiert. Zudem arbeiten immer mehr Menschen geschützt in Büros, Kaufhäusern usw.

Vitamin D und die Gene

Vitamin D steuert im Körper ca. 3.000 verschiedene Gene. Dabei handelt es sich um allgemein gültige Schalter, mit denen die verschiedensten Funktionen aufrecht erhalten werden. Mit einem 15 bis 30-minütigen Sonnenbad werden im Sommer ca. 10.000 IE bis 20.000 IE (Internationale Einheiten) Vitamin D3 erzeugt. Längeres Sonnenbaden steigert die Vitamin-D-Produktion aber nicht zusätzlich, da bei Überschreiten einer bestimmten Grenze das Vitamin schnell wieder abgebaut bzw. zu sogenannten Photo-Produkten (freien Radikalen) umgewandelt wird.

Vorsicht Sonne

Einerseits wird durch UV-B-Strahlung einem Vitamin-D-Mangel effektiv entgegengewirkt. Andererseits könnte dies der größte Risikofaktor für das Basalzell- und Plattenepithelzell-Carzinom der Haut sein. So glaubte man wenigstens noch bis vor kurzer Zeit. Doch hierzu ist das letzte Wort wohl noch nicht ganz gesprochen, so die namhaftesten UV- und Vitamin D-Wissenschaftler. Denn eigenartigerweise tritt der bösartige Hautkrebs (Schwarzes Melanom) fast nur an geschützten Hautstellen auf. Man geht inzwischen ziemlich sicher davon aus, dass die UV-A-Strahlen den bösartigen Hautkrebs auslösen. Da sich die beiden UV-Spektren sehr unterschiedlich in der Atmosphäre ausbreiten und auf die Erde auftreffen, ist auch ihre Strahlungsstärke über den Tag verschieden. UV-B verteilt sich viel breiter in der Atmosphäre und kommt sozusagen von allen Seiten gleichzeitig. Das bedeutet, dass die Strahlung um 15 Uhr nachmittags nur noch die Hälfte der Strahlung vom Mittag ausmacht. Dagegen halbiert sich die Strahlungsstärke von UV-A erst gegen 18 Uhr abends. Wer sich also um 16 Uhr noch sonnt, tut sich nicht unbedingt etwas Gutes. Eine Vitamin-D-Produktion findet dann so gut wie gar nicht mehr statt, während die Hautkrebsgefahr weiterhin unverändert stark vorhanden ist.
Gerade im Kindesalter treten bei verstärkter Sonneneinstrahlung auch verstärkt Muttermale auf, die dann später entarten können. Hellhäutige ohne Vorbräunung sollten sich zu Beginn der Saison aber täglich nicht länger als 10 Minuten ungeschützt der Sonne aussetzen. Grundsätzlich reicht in den Sommermonaten wöchentlich ein 3-maliges, jeweils 20-minütiges Sonnenbad aus, um die Vitamin-D-Versorgung zu gewährleisten. Voraussetzung dafür ist aber, dass Arme und Beine möglichst ganz frei und nicht durch Bekleidung geschützt sind. Und die Haut erst nach dieser Zeit mit Sonnenschutz-Mitteln eingecremt wird. Zudem sollte das Sonnenbad dann genommen werden, wenn die Sonne am höchsten steht. Möglichst zwischen 10 Uhr früh und 15 Uhr nachmittags. Bei braunhäutigen Indern oder schwarzhäutigen Afroamerikanern liegen die anfänglichen Höchstgrenzen bei 30 bzw. 120 Minuten, um einen vergleichbaren Vitamin-D-Effekt zu erzielen.
Fakt ist aber, dass Menschen mit westlicher Kleidung im Durchschnitt lediglich 23 ng/ml Vitamin D aufweisen. Mit traditioneller Kleidung, also Gesicht und Hände frei, kommt man nur noch auf ca. 14 ng/ml Vitamin D. Und in islamischer Kleidung (gesamter Körper bedeckt) fällt der Vitamin-D-Wert sogar auf dramatische ca. 4 ng/ml, berichtet Prof. März.

Laborwerte

Der allgemein anerkannte Parameter zur Erfassung der Vitamin-D-Versorgungslage ist die 25-OH / D3-Messung, im Serum/Plasma. Die absolute, kritische Untergrenze des Vitamin-D-Blutwertes liegt bei 30 ng/ml. Generelle Übereinstimmung herrscht aber darüber, dass Blutwerte bereits unterhalb 50 ng/ml Vitamin D als defizitär einzustufen sind. Die Wissenschaftler raten zu Blutwerten zwischen 50 ng/ml und 75 ng/ml. „Werte unter 100 ng/ml gelten inzwischen als völlig unbedenklich“, stellt Prof. März fest.

Vitamin D hat weitreichenden Einfluss

Sogenannte D-Rezeptoren sind in allen Organen bzw. im gesamten Körper vorhanden. Dadurch greift Vitamin D in alle möglichen Vorgänge ein. Prospektive, epidemiologische Studien zeigen die Zusammenhänge bei einem Mangel an Vitamin D und der Knochendichte, der neuromuskulären Funktion (Sturzrisiko), dem Carzinomrisiko, Blutdruck (Herz-/Kreislaufkrankheiten), Diabetes mellitus, der Tuberkulose, Mortalität (Sterblichkeit), der Zunahme von Autoimmunkrankheiten usw. klar auf. Je weiter man von Mallorca aus in Richtung Norden kommt, desto mehr häufen sich diese Krankheiten.

Beispiele aus verschiedenen Studien

1. Ein Mangel an Vitamin D stellt einen zusätzlichen Risikofaktor für eine arterielle Hypertonie, Cardio-Myopathie, sowie plötzlichen Herztod dar. Auch eine erhöhte Blutgerinnungsneigung, eine Nephropathie und eine Überexpression des Renin-Angiotensin-Aldosteron-Systems können mit einem niedrigen Vitamin-D-Spiegel einhergehen. Jedoch kann die Herzinfarkt-/Schlaganfalle-Rate durch eine gute Vitamin-D-Versorgung gesenkt werden, und damit die Gesamtsterblichkeit um immerhin 7 Prozent. Ein Vitamin-D-Mangel korreliert mit allen kardiovaskulären Risiken und Faktoren. Auch mit der peripheren Arteriellen Verschlusskrankheit (pAV). Cholesterin spielt dabei aber keine Rolle. Das kardiovaskuläre Mortalitätsrisiko steigt, im Vergleich über 50 ng/ml zu unter 25 ng/ml Vitamin D, um den Faktor 2 bis 5 an. (Quelle: (LURIC-Studie Deutschland und Hoorn-Studie Niederlande) Die Framingham-Offspring-Studie zeigte, dass Personen mit Vitamin-D-Spiegeln unter 37,5 ng/ml ein 4,4-fach höheres Risiko hatten einen Herzinfarkt zu erleiden, als Personen mit einer besseren Vitamin-D-Versorgung. Zudem konnte mit einem hohen Vitamin-D-Spiegel der Blutdruck signifikant gesenkt werden.

2. Je geringer die Vitamin-D-Werte, desto mehr Diabetes-mellitus-Fälle. Anders gesagt: Je höher die Vitamin-D-Werte, desto besser ist die jeweilige Insulinwirkung. Auch das brachte die Framingham-Offspring-Studie zu Tage. Zudem geht man davon aus, dass sich spätere Diabetes-Fälle um bis zu 78 Prozent vermeiden lassen, sofern man schon als Kind ausreichend mit Vitamin D versorgt wird.

3. „Niedrige Vitamin-D-Spiegel werden heute mit vielen verschiedenen Krebserkrankungen in Verbindung gebracht“, so Prof. März. „Je besser die Vitamin-D-Versorgung, desto weniger Krebsfälle“. Randomisierte und prospektive Studien belegen 30 Prozent weniger Krebsfälle, bei optimaler Vitamin-D-Versorgung. „Eine Vitamin-D-Unterversorgung korreliert u. a. mit einem erhöhten Mortalitätsrisiko bei Colon-, Brust- und Prostata-Carzinomen“, gibt Prof. März weiter zu bedenken. Die Krux: Was die Hautkrebsängstlichkeit anbelangt, so scheinen die Hautärzte die Vitamin-D-Mangel-Liste anzuführen. Fast lückenloses, überhöht ängstliches Schmieren und Salben, mit Faktor 20 und höher, sorgt bei dieser Personengruppe dafür, dass wirklich so gut wie gar kein Vitamin D mehr synthetisiert wird.

4. Zu wenig Vitamin D führt letztendlich zu einer Osteoporose. Vitamin D ist dafür verantwortlich, dass Kalzium vom Darm überhaupt ins Blut aufgenommen wird. Befindet sich zu wenig Kalzium im Blut, dann sorgt das Parathormon aus der Nebenschilddrüse dafür, dass genügend Kalzium aus dem Knochen ins Blut ausgelagert wird. Langfristig werden so die Knochen brüchig. Bei Osteoporose wird in allen geographischen Regionen eine hohe Prävalenz (Krankheitshäufigkeit) von knapp 60 Prozent beobachtet. In Europa liegt dieser Wert bei knapp 52 Prozent. Im Mittleren Osten jedoch bei knapp 81 Prozent.

5. Muskelbeschwerden wie Muskelkrämpfe (auch nachts in den Waden), Muskelverspannungen in Nacken und Rücken, Muskelzittern z. B. an den Oberschenkeln, Augenlidzucken ect. und Weichteilrheuma lassen, bei einem nicht gerade kleinen Personenkreis, ebenfalls auf einen Vitamin D-Mangel schließen.

6. Gerade, wenn man sich antriebslos, müde, schlapp und abgeschlagen fühlt, nervös und traurig ist und sich schlecht konzentrieren kann, dann kann ein Vitamin-D-Mangel Schuld daran sein.

7. Fingernägel mit weißen Flecken, die ständig abbrechen, deuten ebenfalls auf einen niedrigen Vitamin-D-Wert hin.

8. Schwer therapierbarer Schwindel, z. B. in Verbindung mit körperlicher Anstrengung oder Kopfschmerz mit körperlicher Anstrengung, signalisieren u. U. einen behandlungsbedürftigen Vitamin-D-Wert.

9. Vitamin D ist für die Immunmodulation mitverantwortlich. Bei häufiger Infektanfälligkeit muss der Vitamin-D-Wert unbedingt überprüft werden. Man schätzt, dass sich bei guter Vitamin-D-Lage bis zu 90 Prozent der Grippe-Fälle vermeiden lassen.

10. Und der Tipp für alle Männer: Der Vitamin D-Wert korreliert exakt mit dem Testosteron-Spiegel.

Nierenkrankheiten

Bei Nierenproblemen muss unbedingt das aktive 1,25-OH / D3 verabreicht werden, da die Nieren eventuell nicht mehr in der Lage sind von 25-OH / D3 in 1,25-OH / D3 umzuwandeln.

Bisher zu niedrig dosiert

Eigentlich gehört der Vitamin D-Wert zur jährlichen Blutuntersuchung dazu. Ist der Vitamin-D-Wert zu niedrig, dann wird es i. d. R. 3 bis 4 Monate dauern, bis der Speicher wieder aufgefüllt ist. „Fakt ist aber, dass tägliche Vitamin-D-Gaben in Höhe 400 IE bzw. 800 IE lediglich Placebo-Charakter haben – also überhaupt nicht wirken“, klärt Prof. März im Gespräch auf. „Alle Meta-Analysen dahingehend gelten als lange überholt. In der Vergangenheit haben diese Erfahrungswerte gefehlt und es wurde somit viel zu niedrig dosiert, bekundet der Wissenschaftler“.

Vitamin D in der Nahrung

Allein über die Nahrung kann der Vitamin-D-Bedarf keinesfalls gedeckt werden. Jedermann müsste täglich z. B. mehrere Kilogramm Shiitake-Pilze bzw. viel fettreichen Kaltwasserfisch wie Aal, Lachs und Hering verspeisen, um auf gute Vitamin D-Werte zu kommen. Auf Grund vieler Faktoren kommt man um die zusätzliche Einnahme von Vitamin D also nicht mehr herum. Die Forscher weisen weiter darauf hin, dass die Vitamin-D-Mengen in sämtlichen Multivitamin-Präparaten viel zu niedrig angesetzt sind und bei weitem nicht ausreichen. Da sind die Eskimos schon besser versorgt. Täglich frischer Fisch und Lebertran sorgen bei ihnen für hervorragende Vitamin-D-Werte.

Keine Angst vor Vitamin-D-Gaben

Viele Therapeuten sträuben sich aber noch dagegen, ein Vitamin-D-Defizit hochdosiert kurzfristig zu therapieren. Sie befürchten eventuelle negative Auswirkungen, in Verbindung mit Calcium. „Völlig unbegründet“, stellt Prof. März deutlich fest und verweist auf die Graphik seines sachkundigen Kollegen Dr. Pilz (Medizinische Universität Graz). Prof. März weiter: „Pilz belegte eindeutig, dass Vitamin D und Calcium lediglich schwach korrelieren, da das Parathormon (PTH) sofort gegensteuert“.

Dosierung

Schon Säuglinge ab der 5. Woche erhalten täglich ihre 1.000 IE Vitamin D. Es hat sich außerdem gezeigt, dass bei Kindern, gerade nach der Einschulung, der Vitamin D-Wert drastisch in den Keller sinkt. Hier sind 1.000 IE bis 2.000 IE Vitamin D täglich angebracht.
Prof. März rät weiter: „Schwangere sind gut beraten, wenn sie schon drei Monate vor der Entbindung täglich 4.000 IE Vitamin D einnehmen. Daraus resultieren ca. 25 Prozent weniger Infektionen und ca. 50 Prozent weniger vorzeitige Geburten“.
Um einen viel zu niedrigen Wert wieder auf das normale Niveau anzuheben, dürfen es bei Erwachsenen kurzfristig ruhig 20.000 IE bis 40.000 IE Vitamin D3 pro Woche sein. Eine erneute Kontrolle des Blutwertes 25-OH / D3 erfolgt nach ca. 3 Monaten. Bei Erreichen des Zielwertes werden eine Erhaltungsdosis in Höhe 2.000 IE täglich oder höher und die jährliche Kontrolle angeraten. Korpulente Menschen benötigen täglich u. U. die doppelte Menge Vitamin D.
Und fragt man die Wissenschaftler, wie hoch und wie lange Vitamin D zugeführt werden sollte, dann erhält man von jedem dieselbe Antwort: „Ich nehme es schon lange, hochdosiert und bestimmt lebenslang.“

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